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Einführungsreden

Ingeborg van Loock / HATE Hirlinger:

"Farbe - trifft auf Stahl"

Einführungsrede, 20. November 2019

gehalten von Birgit Wiesenhütter

 

'Farbe' und 'Stahl', so ist es im Titel vermerkt, treffen in dieser Ausstellung aufeinander. Präsentiert werden in den Räumen des Galerievereins Wendlingen eine malerische und eine bildhauerische Position: Ingeborg van Look arbeitet mit Farbe, HATE Hirlinger mit Stahl. Es ist nicht die erste gemeinsame Ausstellung der beiden Künstler, was dafür spricht, dass ihre Werke auf irgendeine Art und Weise zueinander passen, was noch zu erörtern sein wird. Gemeinsam ist den Arbeiten – das ist schnell klar – der Verzicht auf Gegenständlichkeit.

 

Ingeborg van Look arbeitet gestisch-abstrakt, was das gleiche ausdrückt, wie die Begriffe 'lyrische Abstraktion' oder 'informelle Malerei'. Bezeichnet wird so eine Richtung in der Malerei, die sich nach dem zweiten Weltkrieg in den USA und in Europa entwickelt hat. Mit Jackson-Pollocks Drip-Paintings, Mark Rothkos Colorfield paintings und Willem de Koonigs figürlichen Abstraktionen schickten die Amerikaner damals sogar eine Wanderausstellung durch Deutschland, finanziert – das weiß man heute – vom CIA. Gedacht war sie als Umerziehungsmaßnahme, als politisches Statement im beginnenden Kalten Krieg. Die informelle Malerei des Abstrakten Expressionismus (wie diese amerikanische Variante der gestischen Abstraktion genannt wird) stand für Demokratie, Offenheit und Freiheit. Formal bildete sie einen absoluten Gegensatz zum heroischen Stil des 'Sozialistischen Realismus', der in der Sowjetunion und den dazugehörigen Bruderstaaten propagiert wurde. Auch in Europa wurde die Gegenstandslosigkeit zur angesagten Bildsprache, die sich von äußeren auf innere Ausdrucksinhalte verlegte. Geistige Impulse drückten sich in spontanen Gebärden unmittelbar aus und propagierten die Bedeutsamkeit des Formlosen.

 

Soviel zur Vorgeschichte. Was aber ist ein Bild für Ingeborg van Look? Ihre malerischen Arbeiten zeugen von einem gekonnten Umgang mit ihrem Material. Es wird gegossen, geschüttet, gesprüht, gespachtelt, mit Pinsel oder gar mit den Fingern vermalt. Das Bild baut sich in vielen Schichten auf. Es bezeichnet nichts und möchte nichts darstellen. Ob für die Malerin Impulse aus Natur und Landschaft kommen, spielt eigentlich keine Rolle – abbilden will van Look nichts davon. Trotzdem – oder zwangsläufig – ergeben sich die Assoziationen manchmal in diese Richtung. „Horizontale Streifen lassen den Betrachter immer irgendwie an Landschaft denken“ meint die Künstlerin selbst dazu. Farbe darf bei van Look ein kontrolliertes Eigenleben führen. Schüttungen, die zwar einfach aussehen, bedürfen viel Erfahrung, um der Farbe auch den entsprechenden Platz auf der Leinwand zuzuweisen. Der Zufall ist in diesem Prozess inbegriffen. Die Künstlerin reagiert auf ihn, spielt mit ihm, hat aber die Bildregie fest in der Hand. Die Bilder wachsen, Formen entstehen, grafische Elemente (manchmal auch mit Schablone gesprühte Formen wie die Kreise im UG auf dem Bild Utopie I) bringen auch wieder eine gewisse Festigkeit und Strenge ins Malerische. So hält die Künstlerin eine Balance aus Kontrasten, Formen und Farben. Bildtiefe entsteht und bricht sich wieder an der Flächigkeit einzelner Formen, an den grafischen Setzungen und Schüttungen.

 

Um zu verstehen, was für Ingeborg van Loock ein Bild ist, müssen wir auch ihre Fotografien betrachten, die sowohl als Einzelbilder gedacht sind, aber auch in Kombinationen mit Malerei gehängt und dann auch in diesen Kombination zu verstehen sind. Um es gleich zu sagen: Diese Fotografien sind absolut malerisch. Es ist ein Malen mit Licht. Auch hier geht es nicht um die Darstellung der Realität. Es ist uns aber bewusst, dass die Grundlage der Fotografien Lichtreize aus der Realität sein müssen. Sie sind verschwommen und unscharf und fokussieren damit auf die Qualitäten der Malerei, auf Farbklänge und Schattierungen. Die Fotografien sind Erscheinungen, die sich neben den Gemälden als gleichberechtigte und für den Betrachter inspirierende Partner erweisen. Inspirierend insofern, als sie uns neue Sehimpulse geben und unsere Wahrnehmung schärfen. Lässt van Loock in ihren Gemälden mit Farbe eine reale Welt entstehen, so lässt sie in ihren Fotografien die reale Welt in farblichen Lichtreizen zerfließen. Am Ende sind es Farbe und Form – des Gemäldes wie der Fotografie – worin sich beides trifft und befruchtet: eine geschaffene und ein abgeleitete Realität. Ingeborg van Loocks Arbeiten sind Bilder, die uns die Wirklichkeit von zwei Seiten zeigen und Bilder, die uns zeigen, was wir in der uns umgebenden Wirklichkeit sehen und wahrnehmen können.

 

HATE Hirlingers Arbeiten sind der geometrischen Abstraktion zuzuordnen. Hirlinger bezeichnet seine Arbeiten selbst als konstruktivistisch und minimalistisch. Konstruktivistisch, weil Grundlage seiner Arbeiten geometrische Formen sind. Kasimir Malewitsch stellte 1915 zum ersten Mal ein „Schwarzes Quadrat auf weißem Grund“ aus und sagte später darüber: „Als ich 1913 den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellte ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weißen Grundfeld (…) Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.“ – Natürlich war es noch viel mehr als das, aber das gehört nicht hierher. Aus der konstruktivistischen Kunst entwickelte sich de Stijl und in der Folge die konkrete Kunst. Auch und gerade dort geht es nicht ums Abbilden der Realiltät.

 

Hirlinger entwickelt seine Plastiken aus dem Dreieck, das somit Grundelement und Leitmotiv in seiner Arbeit ist. Das Material, aus dem seine Werke gefertigt werden, ist in der Regel Stahl – Edelstahl oder Cortenstahl, selten auch mal Aluminium. Er formt seine Arbeiten durch Schmieden, Schweißen, Ziehen, Schleifen und Lasern. (Die feinen und exakten Einschnitte sind nur so zu erreichen.) Es entstehen Biegungen, Faltungen, Spaltungen, Brechungen und Einschnitte. Wichtig ist dem Künstler eine absolut perfekte Ausführung. Nichts soll von den stimmigen Maßverhältnnissen, den spannungreichen Formen, der Dynamik des Zusammenspiels von Oberflächen und Raum ablenken. In vielen Arbeiten wird die Oberfläche oder Teile davon durch Polieren zum Glänzen gebracht. Damit bekommen sie einen entscheidenden energetischen Impuls, indem sie das Licht selbst miteinbeziehen. Wie dieses Konzept in Gänze aufgeht, können wir hier in der Ausstellung leider nur im Kleinformat erleben, mit Arbeiten, die auch als Modelle für große Plastiken gesehen werden können. Und: wir erleben diese Arbeiten im Innenraum. Wer neugierig ist, kann auf HATE Hirlingers Website die großen Plastiken im Außenbereich anschauen und wird feststellen, dass sich die umgebende Natur in der auf Hochglanz polierten Fläche spiegelt, dass sie damit Teil der Arbeit wird und die Arbeit wiederum Teil der Natur. Hier in der Galerie spiegelt sich der Innenraum im kleineren Format der Plastik. Bereits das ist ein Ereignis, bei dem der Betrachter die Welt in all ihren Facetten in den Facetten der geordneten maßvollen Formen Hirlingers finden kann. Die beiden Stelen vor dem Fenster im Obergeschoss kann man sich lebhaft in groß und im Außenbereich aufgestellt vorstellen. Im Spalt zwischen den Stelen erleben wir auch die Wirklichkeit als Auschnitt zwischen den geordneten Reflexionen. Die Umgebung wird in Hirlingers Arbeit zwangsläufig miteinbezogen. Die Spiegelungen auf der polierten Oberfläche geben der dreidimensionalen Welt um uns ein zweidimensionales Erscheinungsbild, die Plastik ist gleichsam eine Art Resonanzkörper der sie umgebenden Wirklichkeit, leiht ihr ihre Form und strukturiert sie.

 

In Hirlingers Arbeiten geht es nicht nur um eine „Vermessung der Welt“, es geht auch deutlich um Wahrnehmung: nur ein Knick, eine kleiner Eingriff in die perfekte Oberfläche und die Arbeit wird dreideimensional, sie reckt sich in den Raum, schafft unterschiedliche Ansichten, Korrespondenzen und Spiegelungen außerhalb und innerhalb des Werkes. Manchmal ergeben sich komplizierte Gebilde, deren Grundelement, das Dreieck, die Arbeiten immer nachvollziehbar macht, den Betrachter jedoch geradezu an die Grenzen der Wahrnehmung führt. Schauen Sie sich den Würfel mit dem polierten Einschnitt genau an – Anfassen leider nicht erlaubt! - Die Illusion, die entsteht, spielt geradezu mit unserer Wahrnehmung.
 

Wirklichkeit oder Illusion? Es geht um Sehen und Wahrnehmen – und ging es darum nicht auch bei Ingeborg van Loock? Es gibt keinen konkret vorgegebenen Rahmen, kein Wiedererkennen, sondern die Erfahrung. Der Betrachter ist auf sich selbst zurück geworfen. Seine Entdeckerfreude wird angesprochen. Darin treffen sich die Arbeiten der beiden Künstler. Dass es praktisch ist, einen Bildhauer und eine Malerin zusammen auszustellen kann ja schließlich jeder feststellen. Schön ist aber auch, dass van Looks Bilder in den Spiegelungen optisch Bestandteil von Hirlingers Arbeiten werden. Damit ist die Wirklichkeit ein weiteres Mal in van Looks Arbeiten gebrochen und
in Hirlingers Arbeit erscheint ein Stück Realität, das „eine weit vollkommener sichtbare Welt, als die wirkliche sein kann“ zeigt (um mit Goethe zu enden), nämlich die Malerei.


Birgit Wiesenhütter

 

 

 

 

Rede zu „SONST FLÖGE ICH DAVON“ von Marko Schacher – gehalten am 3. April 2019

 

„Birgit Herzberg-Jochums Technik entspricht einer inhaltlich expressiven Ausdruckstechnik, auf das Wesentliche reduziert in der Formensprache, auf die maximale Bedeutung des Inhalts gebracht. Verzweigte Eindrücke von emotionalen Begegnungen, hintergründige Momentaufnahmen oder lösungsorientierte Sequenzen zeigen eine inhaltlich besondere Sichtweise in einer aktuellen Form der Collage. Das Ansinnen der Künstlerin ist, kurze innere Bilder in Gedanken zu formen.“


Dass ein Redner seine Vernissagenansprache mit einem Zitat beginnt, ist sehr üblich. Wenn es ausnahmsweise mal nicht Karl Valentien, Pablo Picasso oder Paul Klee sind, die bemüht werden, sind es oft Zitate aus Katalogen, Presseberichten oder Pressemitteilungen. In der Regel weil der oder die in die Ausstellung Einführende die zitierte Aussage gut findet. Bei mir ist es genau anders herum. Ungeachtet dessen, wer die zitierten Zeilen, die unter anderem auf der Homepage der Galerie der Stadt Wendlingen zum Besuch der Ausstellung „Sonst flöge ich davon“ von Birgit Herzberg-Jochum einladen, geschrieben hat, bin ich mir sicher, dass die sehr nüchtern ausgefallenen Worte der Poesie und dem Zauber, die man vor (und in diesem Fall auch hinter) den Exponaten der Künstlerin spürt, nicht gerecht werden. Und wenn das sogar ich als Mann, als äußerst rational denkender Mensch (fragen Sie meine Freundin) sage, dann muss das ja irgendwie stimmen.


Keine Ahnung, was mit einer „inhaltlich expressiven Ausdruckstechnik“ gemeint ist, aber Birgit Herzberg-Jochums Formensprache ist meiner Meinung gerade nicht „auf das Wesentliche reduziert“. Sie benutzt zwar Figurenkürzel und auf lediglich einige Umrisslinien reduzierte Stellvertreterfiguren, aber ansonsten scheinen ihre Werke ja in einer geradezu unbeschwerten Freiheit aus allen Fugen zu bersten. Ihre Figuren scheinen – mal mehr, mal weniger - aus ihrer unmittelbaren Umgebung ausbrechen zu wollen. Ob es sich hier um „eine aktuelle Form der Collage“ handelt, kann ich nicht beurteilen. In Zeiten, in denen ein Nicht-Aktuell-Sein schon wieder ein Aktuell-Sein bedeuten kann, ist es schwierig sich über eine Zeitmäßigkeit auszulassen. Auf jeden Fall aber finde ich die Mischung aus Malerei, Collage, Relief und Skulptur äußerst reizvoll. In die Bildoberflächen gewebte Wollfäden und Bilder im Bild verwischen die Grenzen zwischen Zwei- und Dreidimensionalität. Der sonst verborgene Rahmen wird zum Bestandteil des Bildes. Erstmals in der Geschichte der Städtischen Galerie Wendlingen werden die Licht-Leisten zum Aufhängen von Ausstellungstücken benutzt. Die Galerie-Strahler und die Sonne werden so zu Co-Autoren, die Schatten an die Wand zaubern. Durch die transparenten Überziehungen der Holzrahmen wirken die Werke leicht, obwohl sie das faktisch nicht sind.


Geometrische Muster treffen auf Farbschlieren, akkurat gesetzte Linien auf wabernde Flächen, pastos und lasierend aufgetragene Farben auf durchsichtige Hintergründe. Die Oberflächen werden betackert, besprayt, bespachtelt, bepinselt, bezeichnet, bedruckt, beklebt, durchlöchert und aufgeschlitzt. Die Werke gleichen Schwebezuständen zwischen Natürlichkeit und Traum. Durch das Komponieren, Kombinieren und Konfrontieren von Figuren, Attributen, Möbeln, Schriftzügen, Farbwolken und Mustern erschafft Birgit Herzberg-Jochum surreale, narrative Bilderbühnen. Die Ergebnisse sind „schön wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“, um mit Comte de Lautréamont zu sprechen. Lucio Fontana und Andy Warhol werden entzückt. Niki de Saint Phalle auch. Vielleicht hat Birgit Herzberg-Jochum die weibliche Pop-Art erfunden. Vielleicht auch nicht. Die der Ausstellung ihren Titel gebende, großformatige Arbeit „Sonst flöge ich davon“ sehe ich als repräsentativ für die gesamte Ausstellung und die Vorgehensweise der Künstlerin an. Wir sehen eine auf dem Boden liegende Frau, über deren Füßen sich scheinbar weitere Versionen eben dieser Schlafenden oder Nachdenkenden erheben. Die Gedankenblasen – unter dem Kopf der Schlafenden noch als Kissen dienend – verflüchtigen sich rechts immer kleiner werdend nach hinten. Sie sind leer, aber der Bildtitel „Sonst flöge ich davon“ würde als Gedankeninhalt der auf einer Art Balken sitzenden und dort über ihren Abflug sinnierenden Frau durchaus Sinn machen.


Aber auch die als Exponate 11 bis 20 präsentierten Satzfragmente, mit Wolle in transparentes Papier gestickt, als noch trocken zu werdende Wäschestücke an Kleiderbügel gehängt, könnten in die Gedankenblasen gesetzt werden: „Ist doch alles nicht so wild“, „Bleib ruhig“, „Alles gut?!“, „Nur mal kurz weg?“, „Möglicherweise morgen“.


Was hält die Dame, die mit ihren luftig-fragil gesetzten Konturenlinien (aus einem metallic-grauem Stift) höchst leicht wirkt, denn nun vom Fliegen ab? Vielleicht das grüne, geordnete Regal links, das auch ein Teppichmuster sein könnte? Oder der gewebte Strahlenstrang, der in geradezu göttlicher Manier von oben ins Bild und auf den Kopf der Liegenden trifft? Die Pflanze links hat einen Weg des Fliegens gefunden. Sie wirft ihre Blätter von sich, die nun übers Bild schweben.

 

Dieses Werk ist vielschichtig im buchstäblichen Sinne. Braune Backpapier-Flächen, neon-rosafarbene Kreisformen und fragile Linien vereinen sich zum Allover. Das Werk geht aber auch in die Tiefe, gleicht einer Art Seelenstriptease der Künstlerin, die „all-in“ geht, wie eine aktuelle Arbeit auch heißt, die quasi die Karten auf den Tisch legt, die „How do I feel“ zeigt und „Daydreams“ verrät.


Das möglicherweise als eine Art Mantra „Alles gut“ (ohne Fragezeichen!) betitelte Werk, das Sie als Motiv der Einladungskarte kennen, stapelt die rosafarbenen Gedankenblasen zu einem vierteiligen Regal. Die Bild-Protagonistin steht entspannt da, die linke Hand an die Hüfte gelehnt. Selbst die Pflanzen im Hintergrund scheinen momentan ein schönes Leben zu haben. Alles gut, alles geordnet. Das Muster des grünen Rasen- Teppichs offenbart sich als beeindruckende Kollektion von meditativ gesetzten Pinselstreichen, die für die Künstlerin jeweils ein einmaliges Ein- bzw. Ausatmen symbolisieren. Kaum zu glauben: Mit dem Collagieren von durchsichtigen oder halbdurchsichtigen Gaze-Stoffen beschäftigt sich Birgit Herzberg-Jochum seit nunmehr 15 Jahren. Ihre damaligen Erfahrungen als Textildesignerin und ihr Wunsch, den Raum in die Werke zu integrieren, haben zur Einbeziehung eines Polyester-Gazestoffes geführt. Einige der ersten Ergebnisse können Sie im Untergeschoss in Form der 2005 entstandenen „Shirley“-Serie sehen. Die mich persönlich an Nana Mouskouri erinnernde, elegant gekleidete, ansonsten aber weder besonders hübsch, noch besonders hässlich daherkommende Frau hat Birgit Herzberg-Jochum aus einer Fotozeitschrift entnommen und entzeitlicht. Die durchsichtigen Lücken in den „Shirley“-Werken motivieren uns zur Begegnung auf Augenhöhe. „Wir können doch alle ein bisschen Shirley sein“, hat die Künstlerin dazu am Sonntag gesagt. Ja, bitte!


Im Obergeschoss wiederum zeigt uns die Künstlerin Beispiele ihres Schaffens aus den letzten Jahren. Bei „The Flowers I Got“ aus dem Jahr 2015 führt uns Birgit Herzberg-Jochum, wie der Titel bereits sagt, ihren einstigen Besitz an Schnittblumen, aber auch das Fehlen eines grünen Daumens vor. Das schnelle Ableben der Natur im Atelier der Künstlerin wird als Mit-, Gegen- und Übereinander von floralen Linien auf einem insgesamt 150 mal 180 Zentimeter großem Diptychon vorgeführt.


Eine 2013 gefertigte, dreiteilige Arbeit, die einst für eine Ausstellung im Stuttgarter Rathaus entstanden sind, zeigt im ersten Obergeschoss Momentaufnahmen von eben diesem Ort, dem Stuttgarter Rathaus, inklusive Feuerlöscher und Stuttgarter Rössle und holt das Höchstmaß an Poesie aus der sich selbst auferlegten Situation heraus.

 

Vielleicht ist es Ihnen ja nicht aufgefallen, aber fast alle Figuren in den Werken von Birgit Herzberg-Jochum sind nackt. „Wenn wir wir selbst sind, sind wir nackt“, hat die Künstlerin dazu am Sonntag gesagt. Ich denke, das macht Sinn.

 

Die Künstlerin selbst sieht die Exponate als „Inseln, bei denen man kurz eine Auszeit aus dem Alltag nimmt“. Dieses „Man“ kann dabei als Stellvertreter für die Künstlerin selbst, aber auch für die Betrachterin bzw. den Betrachter gesehen werden. Die Alltagshektik-Vermeiderin ruft zum Alltagshektik-Vermeiden auf. Für die jeweils 29 mal 21 Zentimeter großen Exponate 26 bis 33 hat eine Fotoserie von finnischen Frauen Pate gestanden, die allesamt ohne Filter und Fotobearbeitungsprogrammen vorgestellt wurden.

 

Bei Birgit Herzberg-Jochum muntern uns die gezeichneten Akte mit Schriftzügen wie „Morgen ist auch noch ein Tag“ und „möglicherweise morgen“ zum Innehalten auf. Kurze schwarze Pinselstriche stehen auch hier für Atemübungen, für den Rhythmus aus regelmäßigem Ein- und Ausatmen, den die Künstlerin bei der Anfertigung der Bilder angewendet hat und den Sie auch bei der Besichtigung der Ausstellung anwenden können.
 

Ich persönlich mag besonders die Exponate 36 bis 39, von der Künstlerlin „mood“, also „Stimmung“ betitelt, bei denen angefallene Farbreste aus dem Atelier zusammen mit Kuli- und Öl-Strichen zu Lippen und Augenbrauen in stimmungsvollen Selbstportraits werden.


Statt „Sonst flöge ich davon“ hätte die Wendlinger Ausstellung auch „Entschieden Unentschieden“ heißen können. Ob es das „Ansinnen der Künstlerin ist, kurze innere Bilder in Gedanken zu formen“, um noch einmal auf das Zitat vom Anfang zu kommen, würde ich so nicht sagen. Möglicherweise möchte die Künstlerin mit ihren Sprüchen, Gedanken und Figurenkompositionen auf die Ambivalenz ihrer und unserer Existenz verweisen. Denn sitzen wir nicht alle zwischen den Stühlen? Quasi zwischen Pflicht und Wahrheit, zwischen Beruf und Berufung, zwischen Familie und Fun? Wir alle sind „in between“, manchmal „daneben“ und nur manchmal „losgelöst“, um weitere Werktitel zu zitieren. Wann sind wir tatsächlich 100prozentig „wir“? „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm' nur viel zu selten dazu“, haben Udo Lindenberg und Jan Delay vor einigen Jahren gesungen. Die Ausstellung kann oder könnte uns dazu anregen, uns der Situation stellen, das Beste draus machen und unsere Gedanken auf eine Reise zu schicken. Vielleicht hat der anfangs zitierte Schreiber bzw. die Schreiberin das mit „lösungsorientierte Sequenzen“ gemeint?

 

Viel Spaß in der Ausstellung, atmen Sie bitte tief ein und aus, flanieren Sie durch die Ausstellung, nutzen Sie die Gelegenheit, auch hinter die Exponate zu treten und die Herstellungsprozesse der Arbeiten zu erkunden. Bitte lassen Sie Ihre eigenen Gedanken kommen und gehen – und sprechen Sie mit der anwesenden Künstlerin. Falls Sie heute dazu nicht den Mut oder die Zeit finden, kommen Sie einfach am Sonntag, den 5. Mai um 15:00 Uhr wieder. Dann gibt es hier vor Ort ein „Künstlerinnengespräch“. Vielleicht sollte ich noch verraten, dass Birgit Herzberg-Jochum zwar in Marbach am Neckar geboren, aber hier in Wendlingen aufgewachsen, in den Kindergarten und später auch ein paar Jahre zur Schule gegangen ist. Ich sag nur „Tante Bibi“. Auch das kann ja evtl. Gesprächsthema werden.

 

Achja. Und greifen Sie unbedingt zu! Während die Käuferin von Banksys zerschreddertem Ballon-Mädchen 1,2 Millionen Euro auf den Tisch gelegt hat, bekommen Sie hier für lachhafte 350 € zerschredderte und sogar wieder zusammengewebte Motive. Warum eigentlich nicht?

 

Marko Schacher

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