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Einführungsreden

b.Wiesenhüter

Kunst in der Region – Positionen zur Zeichnung
Manuela Beck, Eva Bosdorf, Karl-Heinz Bogner, Annie Krüger, Anja Luithle
Galerie der Stadt Wendlingen, 20.09.2020

 

Einführungsrede
 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

Im Rahmen der Ausstellungsreihe „Kunst in der Region“, die abwechselnd in Wendlingen, Nürtingen und Kirchheim ausgerichtet wird, präsentiert die Galerie der Stadt Wendlingen in diesem Jahr die Ausstellung „Positionen zur Zeichnung“. Ausgewählt, um mit ihren Arbeiten einen Einblick und Überblick in das künstlerische Schaffen hier in der Region zu geben, sind die Künstlerinnen Manuela Beck, Eva Bosdorf, Annie Krüger und Anja Luithle und der Künstler Karl-Heinz Bogner. Alle fünf haben an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart in unterschiedlichen Disziplinen studiert und von dort aus den Weg für ihre künstlerische Entwicklung gefunden.

Ihre Arbeiten stehen für die Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten von Zeichnung und zugleich auch für die Eigenständigkeit, die dieses Medium mittlerweile erlangt hat.

 

 

zu Manuela Beck

„Es hat lange gedauert, bis ich der Zeichnung einen eigenständigen Wert in meiner Arbeit beigemessen habe.“ bemerkt Manuela Beck. Dass sie die Technik des Zeichnens perfektioniert hat, ist jedoch auf den ersten Blick zu sehen. Doch die Technik ihrer Wahl war zuvor die Radierung – genaugenommen die Aquatinta, eine Radiertechnik, bei der durch Flächenätzungen verschiedene Grauabstufungen möglich sind. Sie ist wohl die Tiefdrucktechnik mit der malerischsten Wirkung. In diesem Druckverfahren hat die Künstlerin jahrelang ausschließlich gearbeitet und Zeichnung allenfalls zum Skizzieren eingesetzt. Daher hängt nun auch als Ausnahme in dieser Ausstellung eine Aquatinta-Arbeit im OG, quasi als Ausgangspunkt für die Zeichnung, mit der die Künstlerin sich nun beschäftigt und die sie spielerisch und experimentell auslotet.

 

Zentrale Elemente ihrer Bildfindung bleiben für Manuela Beck auch in den Zeichnungen wesentlich: die Repetition eines Motivs in einer Serie und die Repetition eines Motivs innerhalb einer Arbeit. Beispielhaft dafür ist eine Arbeit im OG: Der Umriss einer Frauengestalt wird als Schablone genommen und aneinandergereiht zu immer neuen Mustern, die in kreisförmiger oder überlagernder Anordnung Ornamente ergeben, die nur manchmal die Ausgangsform noch erkennen lassen. Die Ausgangsfigur, die Frauengestalt, hängt als wirklichkeitsgetreue Zeichnung daneben.

 

Manuela Becks Zeichnungen beeindrucken auf den ersten Blick durch ihre perfekt illusionierende Technik und die Raffinesse ihrer Motive. Illusion und Irritation gehen dabei Hand in Hand. Als Bild im Bild sind gefaltete Bögen mit Motiven genauestens dargestellt. Durch die Faltung ist das Motiv auf den Bögen verunklärt – dessen Darstellung ist nicht das Hauptanliegen. Wichtig erscheint der Objektcharakter des gefalteten Bildes, das auch in den Umraum Schatten wirft. Es ist das Bild des Bildes, das auch Objekt ist – eine Art doppelte Illusion. Ein Spiel um die Frage, was ein Bild ist, ein Spiel auch mit Raum und Fläche.

 

Gegenständlichkeit ist bei Manuela Beck nicht Selbstzweck ihrer Arbeiten. So ist eine Serie mit Zeichnungen einer Hand zugleich ein Spiel mit der Linie als gestalterisches Grundelement der Zeichnung. Irritierende Streifen, die wie ausgespart das Blatt durchschneiden, sind Teil eines Fadenspiels. Das Fadenspiel ist ein altes Kinderspiel, bei dem ein Faden zur Schlinge geknotet mit Hilfe der Finger zu dreidimensionalen Objekten wird. Der Faden ist hier eine Linie im Raum. Die perfekt illusionistisch gezeichneten Hände stehen im Gegensatz zur wie ausradiert erscheinenden Linie, die den Faden repräsentiert.

 

Irritationen, verfremdende grafische Elemente, die wie Störfaktoren in der Illusion wirken, lassen uns beim Betrachten von Manuela Becks Zeichnungen innehalten und unsere Wahrnehmung hinterfragen. Hinter Manuela Becks vordergründigen Illusionszeichungen stecken konzeptuelle Überlegungen zum Bild, zur Technik des Zeichnens und den Elementen der Zeichnung.

 

 

zu Eva Bosdorf

Die Tuschezeichnungen Eva Bosdorfs fangen das Licht ein – nicht nur mit dem metallischen Glanz der Silbertusche. Es sind Zeichnungen, die an die Malerei des Impressionismus denken lassen. Eva Bosdorf verdichtet in den kreisenden Formen Licht- und Schattenreflexe, denen sie während des Zeichnens in der Natur direkt ausgesetzt ist. Unter einem Baum sitzend notiert sie das Spiel des Lichts, das durch die Zweige fällt. Bereits beim ersten Strich verändern sich die Lichtpunkte, die durch Laub und Geäst fallen. Wie die lichten Flecken wandern, entwickelt sich auch das Bild weiter. Linien überlagern sich, verschwimmen zu Flächen, die im metallischen Glanz der Silbertusche wiederum Licht reflektieren. Die Veränderlichkeit des Lichteinfalls wird hier zum Phänomen von Materie und Zeit. Zeit, die verrinnt und sich in Veränderung ausdrückt, Zeit, die sich in Tusche und Papier manifestiert und Bild wird. Flüchtigkeit wird hier wie ein Tagebucheintrag mit Zeitangabe festgehalten. Damit macht Eva Bosdorf auch ihren Schaffensprozess transparent.

 

Im Obergeschoss stößt man direkt auf ihre Fadeninstallation, einem Zeichnen im Raum, das sich zugleich auch auf den Raum und seine Grenzen bezieht. Die Künstlerin spannt an der Wand Fäden von Nagel zu Nagel. Nur von einem bestimmten Standpunkt aus ist diese Fadenzeichnung als durchgängige Linie zu sehen, die auch über Raumvorsprünge und Ecken fortläuft. Sobald man den Standpunkt verändert, ist das Erscheinungsbild ein anderes, die Perspektive zersplittert.

 

Ausgangspunkt für diese Faden-Linien ist der Raum hinter der Wand. Seine Erscheinungsform wird wie das Schnittmuster des aufgeklappten Raumes an die Wand gebracht, die diesen Raum zu uns begrenzt. Die Flächen kippen auseinander, die Raumperspektive wird aufgebrochen und der Raum als solcher in die Fläche aufgelöst. Die Wand selbst ist Teil des Motivs und Bildträger zugleich.

 

Das entstandene Fadennetz wirft Schatten als flüchtige Zeichnung an die Wand. Es ergibt sich ein Linienspiel, das durch eine an Intensität wechselnde Beleuchtung dynamisiert wird. Hinter dieser Zeichnung aus Fäden und Schatten findet sich in vielfacher Ausführung ein silbern spiegelndes Wort: „ich“. Es verzweigt sich ein Geflecht aus „ichs“ wie ein Rhizom, dessen Potential an Vernetzungsmöglichkeiten unendlich erweiterbar scheint. „Ich“ ist dabei jeder Betrachter selbst, der sich im Wort wie auch im metallischen Silber spiegelt. Und weil jeder von uns sich selbst im „ich“ erkennt, ist „ich“ zugleich ein jeder von uns. Jeder verortet sich in seinen Beziehungen und seinem Standpunkt und Blick auf die Welt immer wieder neu. Eine Reflexion, die wir in letzter Zeit durch die coronabedingte Veränderung des Miteinanders vermutlich alle selbst erfahren haben.

 

Eva Bosdorfs Arbeiten liegt ein stimmiges Konzept zugrunde, in dem sich der Mensch als Selbst in seiner Wahrnehmung in Raum und Zeit aber auch in seinem Beziehungsgeflecht verortet. Zeit wie auch Raum wird erst in der Begrenzung erfahrbar und fassbar. Beides erkundet und thematisiert Eva Bosdorf in ihren Arbeiten. Licht in seiner Veränderlichkeit und Dynamik ist der energetische Schub, der ihren Papierarbeiten eingeschrieben ist und in ihrer installativen Arbeit als real erfahrbares Element die Flüchtigkeit der Wahrnehmung und den Wechsel des Standpunktes als feine aber grundlegende Veränderung erfahrbar macht.

 

 

zu Karl-Heinz Bogner

Karl-Heinz Bogners Arbeiten sprechen die Sprache von Architekturzeichnungen, aber sie sind keine. Jeder Versuch, hier konkrete Entwürfe für Gebäude oder architektonische Lagepläne für ganze Bebauungen erkennen zu wollen, scheitert, weil Bogner dieses Scheitern-müssen als Strategie seiner Bildfindung nutzt.

 

Der Künstler, der an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Architektur und Design studiert hat, arbeitet mit formalen Elementen, die an Raum- und Landschaftsstrukturen, an Grundrisse, Lagepläne oder Ausgrabungsstätten erinnern, aber er arbeitet zugleich auch gegen sie an. Immer wieder sind seine Arbeiten kurz davor, konkret zu werden, sich doch als Architektur-zeichnung zu outen, doch dann löst sich alles wieder auf.

Bogners Arbeiten bringen unsere Sehgewohnheiten durcheinander. Damit verunsichert der Künstler den Betrachter und gerade da wird es spannend. Man möchte sich an formalen Elementen festhalten, die an Bekanntes erinnern, doch die architektonischen Chiffren gerinnen nicht zu semantischen Zeichen, verweigern eine Bedeutung und bleiben damit abstrakt.

 

Der zeichnerische Prozess ist intuitiv, nichts ist geplant. In sich überlagernden Schichten baut Bogner regelrecht das Bild auf. Der technischen Exaktheit setzt er gestisch-abstrakte malerische Elemente entgegen. Gestisches wird wieder in Struktur eingebunden. Mit dem Lineal gezogene Linien korrespondieren mit Freihandlinien, strenge Geometrie mit organischen Formen. In diesem Prozess setzt er Schicht über Schicht – transparente Archäologie, die abstrakten Topografien aus der Vogelperspektive ähnelt. Dahinter steht die Vorstellung von Raum, von einer imaginierten Architektur, einem erfundenen Raum, der offen und Fragment bleibt. „Mich interessiert das Unfertige, das Fragmentarische, das Provisorische, Räume, die sich im Entstehungsprozess befinden“ sagt Bogner.

 

Karl-Heinz Bogners Arbeiten zeugen von einer Lust am Fabulieren und Erfinden und transportieren damit die Poesie, die einer Utopie eingeschrieben ist. Mögliches oder Unmögliches bringt der Künstler in eine zeichnerische Formensprache, die sich am Habitus der Architekturzeichung orientiert. Formal und inhaltlich bewahren die Arbeiten Distanz, sind nicht fassbar oder konkretisierbar, sondern bleiben abstrakt und offen.

 

 

zu Annie Krüger

Zeichnung, Malerei und Installation spielen im Werk der Künstlerin Annie Krüger gleichermaßen eine Rolle und sind kaum voneinander zu trennen. Der Inkpen, also der Tuschestift, ist ihr Zeicheninstrument. Mit ihm zieht sie Linien, deren Erscheinungsbild malerische und grafische Qualität gleichermaßen hat und die Grundelement und Impuls ihrer Arbeiten sind. Dabei ist der Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Überlegungen der Raum.

 

So geht ihre Installation im OG ganz direkt von dem konkreten Raum aus, für den diese konzipiert ist, und reflektiert ihn auf vielfache Weise. In der Dachschräge greift Krüger einen Wandkeil und dessen Geometrie auf und baut diesen wie ein Echo des realen Raumelements aus Papier. Isoliert als Keil liegt er auf dem Boden, in einer seiner Ecken sind Linien, die die Künstlerin zuvor mit dem Inkpen gezogen hat, aus dem Papier geschnitten und von der Künstlerin auf den Keil parallel zur Außenwand drapiert. Die ausgeschnittenen Linien sind zweifach vorhanden: als Leerstelle im Keil und als ausgeschnittene Papierstreifen, die eine gegenläufige Zeichnung ergeben. Positiv- und Negativform, Material und Leerstelle korrespondieren miteinander. Wie ein Vorhang hängt von der Innenwand ein Bogen Papier dessen geschnittene Linien wie Fransen herabhängen. Allerdings gehen die Schnitte nur bis zu einer schrägen Kante, deren Winkel die Kante des Keils gegenläufig aufnimmt. Die herabhängenden Papierstreifen greifen wie die Streifen des Keils die Kante der Außenwand auf.

 

Raffiniert verschränkt die Künstlerin hier Raum, Fläche und Linie vielfach miteinander, greift immer wieder Raumkanten und Winkel des Raumes in ihrer Arbeit auf, setzt Linien und Flächen zueinander in Beziehung. Geometrie ist dabei grundlegend für Annie Krüger. Ihre Arbeit ist ein Spiel mit Geometrie. Sie beschäftigt sich mit Verschiebungen und Winkeln, die generell gerne von Standards abweichen: statt 90° bevorzugt sie 93°.

 

Im gleichen Raum nehmen Papierstreifen Raumkanten auf. Parallel zur Wand sind sie mit etwas Abstand entlanggeführt. Sie repräsentieren die einzelne Linie als Grundelement. Die eingefärbte Rückseite wird dabei von der weißen Wand farbig reflektiert – ein formales Spiel mit großem sinnlichen Reiz.

 

Annie Krügers Aufmerksamkeit für Raum und ihr Spiel mit dem Material eröffnen immer wieder unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema. Sie fasst dies nicht nur rein geometrisch auf, sonder auch gefühlsmäßig. Das Formale und das Sinnliche verschränken sich in ihren Arbeiten. Die Linie ist Papier und Farbe, Raum und Materie und fügt sich kompakt und filigran zugleich zur Zeichnung.

 

 

zu Anja Luithle

Einigen von Ihnen, verehrte Damen und Herren, werden vermutlich die Arbeit „Gratwanderin“ von Anja Luithle kennen. Sie steht auf dem Dach des Hauses der Geschichte in Stuttgart. Es ist die Figur eines roten Kleides, das dort unbehaust steht oder sich hin und her bewegt und damit das Fehlen der Person, die es tragen müsste, gleichsam thematisiert. Anwesenheit und Abwesenheit ist ein großes Thema, das das Werk der in Wendlingen lebenden Künstlerin durchzieht.

 

Ihre hier gezeigten großformatigen Zeichnungen glänzen wiederum mit der Abwesenheit des Leiblichen. Stoffe in unterschiedlichen Dekoren knäulen sich in Kulen und Faltentälern oder türmen sich hoch zu Wellen und Gebirgen auf. Diese Faltenlandschaften lassen offen, ob sich unter ihrer Oberfläche etwas verbirgt. Damit sind sie mit einem Geheimnis besetzt, das im Gegensatz zur eigentlichen Banalität des Motivs steht. Der Stoff an sich mag im Zusammenhang zu Luithles Arbeiten mit Kleidungsstücken gesehen werden können. Hier ist er jedoch nicht Kleidung, die ‚zweite Haut‘. Es könnte sich genau so gut um Handtücher, Laken oder sonstige Stoffe handeln. Trotzdem korrespondieren diese Stoffe mit dem Menschen. Nicht nur durch den Herstellungsprozess, sondern auch durch ihre ihnen eigene Ästhetik. Ob chinesischer Dekor, Blumenmuster oder aufgeräumte Streifen, Ornament oder geometrisches Muster – jeder Stoff transportiert einen kulturellen Hintergrund und besitzt seinen eigenen Charakter. Er führt gewissermaßen ein Eigenleben, das sich formal im Faltenspiel und Dekor zeigt, dann aber auch eine Gefühlsebene anspricht: Exotik, Wohlgefühl, Kühle, Sicherheit, Intimität sind nur einige der Ausdruckswelten, in denen sich Luithles Stoffgebirge bewegen. Damit sind sie letztlich doch Stellvertreter von Abwesendem, kreisen um Identität und Erinnerung.

 

Der Stoff ist bei Luithle ein Stellvertreter, der von unterschiedlichen Seiten, von Verstand und Gefühl, formalen und inhaltlichen Aspekten besetzt werden kann und sich in einer surrealen, sinnlichen und ästhetischen Atmosphäre auf seine jeweils eigene Art und Weise reizvoll als Landschaft ausbreitet.

 

 

Zeichnung hat in diesen fünf Positionen nichts mehr zu tun mit einem skizzenhaften Hilfsmedium, sondern behauptet sich erfinderisch und forschend in Raum und Zeit, Realität und Vorstellung. Die hier gezeigten Arbeiten schlagen Brücken zu Malerei, Installation und Architektur und führen uns nicht zuletzt auch das konzeptuelle Potential der Zeichnung vor Augen. Es ist ein reiches und aktuelles Spektrum, das diese Ausstellung reflektiert, und das von den klassischen Bildgattungen Landschaft, Stilleben, Portrait, Genre oder gar Historienmalerei völlig abgerückt ist zugunsten von Abstraktion, Ortsbezogenheit und Konzeptualität.

 

 

Birgit Wiesenhütter

 

 

 

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Einführungsrede zu: Susanne Janssen – Märchen, Mythen, Metamorphosen – Galerie der Stadt Wendlingen, 07.02.2020, Dr. Katrin Burtschell

 

Sehr geehrte Gäste, liebe Susanne Janssen,


Blumen, Pflanzen, Märchen, Mythen, Peter Pan, Hänsel und Gretel, Odysseus Irrfahrten , Gebete, biblische Darstellungen – Vertrautes entfaltet sich hier in den Galerieräumen. Die großformatigen Blumendarstellungen von Susanne Janssen ziehen uns magisch an, doch es wäre eben nicht das Werk von Susanne Janssen, wenn sie uns einfach gefällige, schöne Blumenzauberwelten, oder die vertrauten Märchenfiguren, die ihrem Schicksal ausgeliefert sind, zeigen würde. Wir würden es wohlwollend wahrnehmen, die Fertigkeit der Künstlerin bewundern, aber es würde nichts mit uns tun, nicht in unser Innerstes vordringen. Es würde gefallen, aber nicht bewegen. Diese Bilder aber tun genau das, sie bewegen uns, unsere Gedanken und auch Emotionen. Es sind die Brüche in den Darstellungen, das Ungewohnte, das Unerwartete, das uns aufweckt, unser Interesse weckt und das auch die künstlerische Qualität dieser Arbeiten ausmacht.


Die aus Aachen stammende und im Elsass lebende Künstlerin hat in Düsseldorf an der Hochschule für Gestaltung bei Wolf Erlbruch studiert und illustriert seit vielen Jahren, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Bücher. Die Grenzen zwischen Malerei und Illustration sind bei Susanne Janssen fließend. Schon immer hat sie gemalt, meistens in Öl und schon immer war es ihr wichtig, dabei einen Text oder ein Thema zu haben. Eines dieser Themen sind bei ihr seit jeher Märchen. Mit Märchen sind wir alle groß geworden, sie gehören zu unserem kulturellen und geistigen Erbe. Selbst diejenigen, die nicht in direkten Kontakt mit Märchen kommen, oder je gekommen sind, sind mit bestimmten Bildern, Situationen, Metaphern und Gleichnissen wohl vertraut. Genauso verhält es sich mit der griechischen Mythologie, der Odyssee und der Illias, sie prägen unsere Geisteswissenschaften, unser humanistisches Verständnis. Ebenso ist es mit den Protagonisten der Bibel, mit Gebeten, die wir von der Kindheit her kennen. Für unsere Generation noch ganz selbstverständlich, ist es doch für die Generation unserer Kinder oder Enkel eine Welt, die in Auflösung begriffen ist. Eine Welt die am Verblühen ist.

 

Diesen Augenblick kurz vor dem Verblühen, den fängt die Künstlerin durch ihre satte Malerei in Ölfarben ein und gibt dadurch den Motiven eine eindrückliche Bedeutung. Sie kennen es vielleicht selbst, wenn sie Schwertlilien oder Amaryllis zuhause in einer Vase stehen haben, dann werden die Blüten ganz schwer und fangen an zu tropfen. Dieses Übersatte kurz vor dem Verblühen, ist in den Arbeiten aus Collagen und Malerei sicht- und spürbar. Und selbst in den zarteren Radierungen ist dies zu erfassen. Etwas steht in voller Blüte, es wirkt schön und anziehend auf den ersten Blick und offenbart auf den zweiten Blick plötzlich ein Unwohlsein, etwas Bedrohliches und manchmal auch Ernüchterndes.


Erschaffen, verwerfen, wiederbeginnen all das begegnet uns in den Klebespuren, den Bleistiftstrichen, den Brüchen und Übergängen der Collagen. Wie dreidimensionale Gebilde entfalten diese Arbeiten etwas haptisches und unperfektes, was sie in ihrer Authentizität nur umso stärker werden lässt. Sie lassen die Naturstudie hinter sich und werden zu erzählenden Welten, die von Momenten des Umkippens, von Umbrüchen, Metamorphosen – Verwandlungen berichten. Das ist das große übergreifende Thema, das die Bilder hier auf allen Etagen miteinander verbindet. Alles erlebt eine Veränderung eine Transformation, Verwandlung, alles erzählt. Vielleicht ist es das, was die Künstlerin am meisten reizt darzustellen, dass alles im Prozess, in Wandlung ist, dass nichts erstarrt in Schönheit.

 

Schönheit dieser Begriff hat mich bei der ersten Begegnung mit den Arbeiten von Susanne Janssen am meisten beschäftigt. Der erste Eindruck von Schönheit, ja auch Zartheit wird bei der näheren Betrachtung umgewandelt. Die Arbeiten entfalten sich, werden vielschichtig, sie treten aus dem Rahmen heraus an den Betrachter heran.


Dieser Eindruck ist auch vorhanden bei den vier Frauendarstellungen oben im Flur. Es sind vier der Darstellungen aus dem Zyklus der Grossen Töchter Gottes, die 2015 in der Kathedrale von Moulins gezeigt wurden. Vor blutrotem Hintergrund, mit geometrischen Elementen versetzt, sehen wir Frauen sinnlich, stolz und trotzig wie Judith, die uns die blutige Hand entgegenstreckt, oder die eher in sich gekehrte Magdalena, die Frau der Salbung. Die Frauentypen und ihre Schicksale stehen im großen Gegensatz zu den gegenüberliegenden Darstellungen aus dem Gebetsbuch Behüte mich auch diesen Tag. Diese Darstellungen erinnern fast an altniederländische Andachtsbilder, mit ihrer Aufsichtsperspektive und den anmutigen schlichten Figuren. Auch hier verwendet die Künstlerin geometrische Elemente Kreise, Linien und Spiralen die weicher wirken als die starre blutige Geometrie auf der Gegenseite.


Hier zeigt Susanne Janssen, dass sie das Spiel mit Schönheit und Sinnlichkeit, Zartheit und Verletztheit auf der einen Seite und Grausamkeit auf der anderen Seite meisterhaft versteht. Ebenso entfaltete sie dieses auch in den Hamlet Darstellungen. Das Sichtbarmachen der Arbeitsspuren und Klebestreifen, nimmt den Arbeiten den Pathos. Als Leser der Bücher können wir diese Spuren nur erahnen, im Original sind sie dominanter und sichtbar. Hier wird die Illustration zum eigenständigen Kunstwerk. Brüche und Spuren, das Unperfekte, das Sichtbarmachen der Collagenübergänge, das zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Durch den vielschichtigen Wald von Hänsel und Gretel bis zu den großformatigen Pflanzenmotiven, ja sogar zu den Radierungen.

 

Die Möglichkeiten der Collage übt auf die Künstlerin eine besondere Faszination aus. „Das Verbinden von fast freier Malerei und Collage, der Kontrast realistischer und malerischer Elemente, in dem auch der Zufall eine sehr große Rolle spielt, ist für mich ein Mittel, Bilder zu erfinden, die ich noch nie zuvor gesehen habe…. das ist es was ich suche.“ So die Künstlerin in eigenen Worten. Sie steht damit durchaus in der Tradition der Collage, wie sie die Surrealisten und Dadaisten, vor allem Max Ernst verwendet haben als Mittel zur Darstellung des Unbewussten.


Janssens Schaffen ist geprägt von der unaufhörlichen Suche nach einer neuen Bildsprache. Sie verschiebt Perspektiven durch den Raum und evoziert einen verzerrte Zweidimensionalität. Sie arbeitet mit Ölfarben, die in mehreren Schichten aufgetragen werden, schneidet Figuren aus, fügt sie wieder ein und erzielt so ein irritierendes Ineinanderwirken von Flächigkeit und Räumlichkeit, von Traum und Realität.

 

Janssen illustriert nicht einfach nur, sondern sie eröffnet mit ihren Bildern ganz eigene Wege zum Sinn der literarischen Werke. Es ist ihre Interpretation, ihre Wahrnehmung von Zwischentönen von Nuancen. Eigentlich sind ihre Bilder wie die Schichten des vielschichtigen Waldes in Hänsel und Gretel bildhafter Ausdruck des Zwischen den Zeilen Lesens.

 

Für Hänsel und Gretel wurde die Künstlerin 2008 mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Susanne Janssen eröffnet mit ihren Bildwelten eine völlig neue Wahrnehmung der Grimmschen Märchen. Sie dringt durch ihre Darstellungen vor in eine viel vielschichtigere und vor allem richtigere Wahrnehmung von Märchen, weg von unserer heute verniedlichenden Märchenwahrnehmung und deren Entschärfung für Kinder. Sie ist fasziniert von und interessiert an den Hintergründen, an dem was sich unter der Oberfläche abspielt. „Märchen wie Hänsel und Gretel und Rotkäppchen sind nun mal keine harmlosen, unbedarften Geschichten. Es geht dort um Leben und Tod. Und doch mehr um das Leben als um den Tod, um das Überwinden des Todes, dessen was mich unfrei macht und mich hindert erwachsen zu werden.“ Mit diesem Zitat der Künstlerin im Kopf, bitte ich Sie die Bilder und den Gesichtsausdruck der Kinder Hänsel und Gretel nochmal genau zu studieren. Vor allem die Szene, in der Gretel die Hexe in den Ofen stößt, der Gesichtsausdruck ist stolz und selbstbewusst. „Das Treffen auf die Hexe und die Chance diese zu überwältigen, das ist die große Befreiung.“


Janssens Figuren wirken in ihrer Deformierung verstörend. Hänsel und Gretel sind fast ununterscheidbar androgyn, der Vater zum Skelett abgemagert, hilflos, die Mutter kühl, distanziert, die Hexe imposant, wie eine Dame, die um ihre Außenwirkung weiß. Im tiefroten Kleid wirkt sie erotisch und sinnlich und abstoßend zugleich. Das Rot des Kleides taucht symbolhaft in der Wunde des Hirsches, der als Symbol der Vorahnung zu der Geschichte hinführt, wieder auf.


Stellt sich die Frage ist das Kindertauglich? Generationen von Kindern haben diese Märchen gehört und ausgerechnet heute, wo wir eine völlige Banalisierung von Gewalt erfahren, muss man sich als Eltern Strafpredigten von Erzieherinnen anhören - ich spreche hier aus eigener Erfahrung – wenn man es wagt, dem Kind beispielsweise den Original Struwwelpeter vorzulesen. Die Hexe bei Hänsel und Gretel wird in modernen kindgerechten Adaptionen nicht mehr verbrannt, sondern ins Altenheim geschickt. Dabei fasziniert die Kinder, das was uns Erwachsene so abschreckt. Kinder verstehen unbewusst, dass die Todesbedrohung der Heldin und des Helden zum Entwicklungsweg gehört und das Geschehen überhaupt erst recht in Gang bringt. Die Märchencharaktere sind nicht nur Abschreckung, sondern auch Vorbilder, die Vertrauen stärken. Vorbild darin, einen schwierigen Weg zu gehen, die Mut machen, auch unmöglich erscheinende Aufgaben zu lösen.

 

Susanne Janssen ist zum Glück überzeugt davon, dass man das auch Kindern zumuten kann. Die Sinne berühren, die Seele, das Sein, das bedeutet für die Künstlerin Sinnlichkeit. „Kinder brauchen das und brauchen vor allem gute Kunst“, keine schöne Kunst, um an den Eingangs erwähnten Schönheitsbegriff zu erinnern. Und Das Bilderbuch ist die erste Kunstgalerie, die ein Kind betreten kann“ so die Künstlerin.


Sinnlichkeit, die begegnet uns auch in der wunderschönen spinnenden Kalypso aus der Odyssee. Subtil klingt die Kraft der Weiblichkeit durch in all den Frauendarstellung von der Hexe über die böse Mutter, über die biblischen Frauen bis hin zu ihr, der Nymphe. Das Motiv, der Faden spinnenden Kalypso, zieht sich für mich wie eine zeichnende Linie hin zu den Frauenstudien hier im Erdgeschoss, die sich auch in einem Gewirr aus Fäden und Linien verlieren. Les dames des onzes heures sind benannt nach einer Blume, die nur einmal am Tag ihre Blüten öffnet. Eine dieser Frauen befindet sich inmitten einer der großen Pflanzencollagen. Ähnlich wie die Protagonisten der Märchen, ist sie gefangen im Wald, oder wie Odysseus in den Fängen der schönen Kalypso, die ihn umgarnt.


Die Künstlerin entfaltet in diesen Szenerien ein starkes Sinnbild für Herausforderung, Transformation und Veränderung, die alles andere sind als nur Märchen, sie sind Analogien zu unseren Lebenssituationen.

 

 

 

 

 

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Ingeborg van Loock / HATE Hirlinger:

"Farbe - trifft auf Stahl"

Einführungsrede, 20. November 2019

gehalten von Birgit Wiesenhütter

 

'Farbe' und 'Stahl', so ist es im Titel vermerkt, treffen in dieser Ausstellung aufeinander. Präsentiert werden in den Räumen des Galerievereins Wendlingen eine malerische und eine bildhauerische Position: Ingeborg van Look arbeitet mit Farbe, HATE Hirlinger mit Stahl. Es ist nicht die erste gemeinsame Ausstellung der beiden Künstler, was dafür spricht, dass ihre Werke auf irgendeine Art und Weise zueinander passen, was noch zu erörtern sein wird. Gemeinsam ist den Arbeiten – das ist schnell klar – der Verzicht auf Gegenständlichkeit.

 

Ingeborg van Look arbeitet gestisch-abstrakt, was das gleiche ausdrückt, wie die Begriffe 'lyrische Abstraktion' oder 'informelle Malerei'. Bezeichnet wird so eine Richtung in der Malerei, die sich nach dem zweiten Weltkrieg in den USA und in Europa entwickelt hat. Mit Jackson-Pollocks Drip-Paintings, Mark Rothkos Colorfield paintings und Willem de Koonigs figürlichen Abstraktionen schickten die Amerikaner damals sogar eine Wanderausstellung durch Deutschland, finanziert – das weiß man heute – vom CIA. Gedacht war sie als Umerziehungsmaßnahme, als politisches Statement im beginnenden Kalten Krieg. Die informelle Malerei des Abstrakten Expressionismus (wie diese amerikanische Variante der gestischen Abstraktion genannt wird) stand für Demokratie, Offenheit und Freiheit. Formal bildete sie einen absoluten Gegensatz zum heroischen Stil des 'Sozialistischen Realismus', der in der Sowjetunion und den dazugehörigen Bruderstaaten propagiert wurde. Auch in Europa wurde die Gegenstandslosigkeit zur angesagten Bildsprache, die sich von äußeren auf innere Ausdrucksinhalte verlegte. Geistige Impulse drückten sich in spontanen Gebärden unmittelbar aus und propagierten die Bedeutsamkeit des Formlosen.

 

Soviel zur Vorgeschichte. Was aber ist ein Bild für Ingeborg van Look? Ihre malerischen Arbeiten zeugen von einem gekonnten Umgang mit ihrem Material. Es wird gegossen, geschüttet, gesprüht, gespachtelt, mit Pinsel oder gar mit den Fingern vermalt. Das Bild baut sich in vielen Schichten auf. Es bezeichnet nichts und möchte nichts darstellen. Ob für die Malerin Impulse aus Natur und Landschaft kommen, spielt eigentlich keine Rolle – abbilden will van Look nichts davon. Trotzdem – oder zwangsläufig – ergeben sich die Assoziationen manchmal in diese Richtung. „Horizontale Streifen lassen den Betrachter immer irgendwie an Landschaft denken“ meint die Künstlerin selbst dazu. Farbe darf bei van Look ein kontrolliertes Eigenleben führen. Schüttungen, die zwar einfach aussehen, bedürfen viel Erfahrung, um der Farbe auch den entsprechenden Platz auf der Leinwand zuzuweisen. Der Zufall ist in diesem Prozess inbegriffen. Die Künstlerin reagiert auf ihn, spielt mit ihm, hat aber die Bildregie fest in der Hand. Die Bilder wachsen, Formen entstehen, grafische Elemente (manchmal auch mit Schablone gesprühte Formen wie die Kreise im UG auf dem Bild Utopie I) bringen auch wieder eine gewisse Festigkeit und Strenge ins Malerische. So hält die Künstlerin eine Balance aus Kontrasten, Formen und Farben. Bildtiefe entsteht und bricht sich wieder an der Flächigkeit einzelner Formen, an den grafischen Setzungen und Schüttungen.

 

Um zu verstehen, was für Ingeborg van Loock ein Bild ist, müssen wir auch ihre Fotografien betrachten, die sowohl als Einzelbilder gedacht sind, aber auch in Kombinationen mit Malerei gehängt und dann auch in diesen Kombination zu verstehen sind. Um es gleich zu sagen: Diese Fotografien sind absolut malerisch. Es ist ein Malen mit Licht. Auch hier geht es nicht um die Darstellung der Realität. Es ist uns aber bewusst, dass die Grundlage der Fotografien Lichtreize aus der Realität sein müssen. Sie sind verschwommen und unscharf und fokussieren damit auf die Qualitäten der Malerei, auf Farbklänge und Schattierungen. Die Fotografien sind Erscheinungen, die sich neben den Gemälden als gleichberechtigte und für den Betrachter inspirierende Partner erweisen. Inspirierend insofern, als sie uns neue Sehimpulse geben und unsere Wahrnehmung schärfen. Lässt van Loock in ihren Gemälden mit Farbe eine reale Welt entstehen, so lässt sie in ihren Fotografien die reale Welt in farblichen Lichtreizen zerfließen. Am Ende sind es Farbe und Form – des Gemäldes wie der Fotografie – worin sich beides trifft und befruchtet: eine geschaffene und ein abgeleitete Realität. Ingeborg van Loocks Arbeiten sind Bilder, die uns die Wirklichkeit von zwei Seiten zeigen und Bilder, die uns zeigen, was wir in der uns umgebenden Wirklichkeit sehen und wahrnehmen können.

 

HATE Hirlingers Arbeiten sind der geometrischen Abstraktion zuzuordnen. Hirlinger bezeichnet seine Arbeiten selbst als konstruktivistisch und minimalistisch. Konstruktivistisch, weil Grundlage seiner Arbeiten geometrische Formen sind. Kasimir Malewitsch stellte 1915 zum ersten Mal ein „Schwarzes Quadrat auf weißem Grund“ aus und sagte später darüber: „Als ich 1913 den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellte ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weißen Grundfeld (…) Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.“ – Natürlich war es noch viel mehr als das, aber das gehört nicht hierher. Aus der konstruktivistischen Kunst entwickelte sich de Stijl und in der Folge die konkrete Kunst. Auch und gerade dort geht es nicht ums Abbilden der Realiltät.

 

Hirlinger entwickelt seine Plastiken aus dem Dreieck, das somit Grundelement und Leitmotiv in seiner Arbeit ist. Das Material, aus dem seine Werke gefertigt werden, ist in der Regel Stahl – Edelstahl oder Cortenstahl, selten auch mal Aluminium. Er formt seine Arbeiten durch Schmieden, Schweißen, Ziehen, Schleifen und Lasern. (Die feinen und exakten Einschnitte sind nur so zu erreichen.) Es entstehen Biegungen, Faltungen, Spaltungen, Brechungen und Einschnitte. Wichtig ist dem Künstler eine absolut perfekte Ausführung. Nichts soll von den stimmigen Maßverhältnnissen, den spannungreichen Formen, der Dynamik des Zusammenspiels von Oberflächen und Raum ablenken. In vielen Arbeiten wird die Oberfläche oder Teile davon durch Polieren zum Glänzen gebracht. Damit bekommen sie einen entscheidenden energetischen Impuls, indem sie das Licht selbst miteinbeziehen. Wie dieses Konzept in Gänze aufgeht, können wir hier in der Ausstellung leider nur im Kleinformat erleben, mit Arbeiten, die auch als Modelle für große Plastiken gesehen werden können. Und: wir erleben diese Arbeiten im Innenraum. Wer neugierig ist, kann auf HATE Hirlingers Website die großen Plastiken im Außenbereich anschauen und wird feststellen, dass sich die umgebende Natur in der auf Hochglanz polierten Fläche spiegelt, dass sie damit Teil der Arbeit wird und die Arbeit wiederum Teil der Natur. Hier in der Galerie spiegelt sich der Innenraum im kleineren Format der Plastik. Bereits das ist ein Ereignis, bei dem der Betrachter die Welt in all ihren Facetten in den Facetten der geordneten maßvollen Formen Hirlingers finden kann. Die beiden Stelen vor dem Fenster im Obergeschoss kann man sich lebhaft in groß und im Außenbereich aufgestellt vorstellen. Im Spalt zwischen den Stelen erleben wir auch die Wirklichkeit als Auschnitt zwischen den geordneten Reflexionen. Die Umgebung wird in Hirlingers Arbeit zwangsläufig miteinbezogen. Die Spiegelungen auf der polierten Oberfläche geben der dreidimensionalen Welt um uns ein zweidimensionales Erscheinungsbild, die Plastik ist gleichsam eine Art Resonanzkörper der sie umgebenden Wirklichkeit, leiht ihr ihre Form und strukturiert sie.

 

In Hirlingers Arbeiten geht es nicht nur um eine „Vermessung der Welt“, es geht auch deutlich um Wahrnehmung: nur ein Knick, eine kleiner Eingriff in die perfekte Oberfläche und die Arbeit wird dreideimensional, sie reckt sich in den Raum, schafft unterschiedliche Ansichten, Korrespondenzen und Spiegelungen außerhalb und innerhalb des Werkes. Manchmal ergeben sich komplizierte Gebilde, deren Grundelement, das Dreieck, die Arbeiten immer nachvollziehbar macht, den Betrachter jedoch geradezu an die Grenzen der Wahrnehmung führt. Schauen Sie sich den Würfel mit dem polierten Einschnitt genau an – Anfassen leider nicht erlaubt! - Die Illusion, die entsteht, spielt geradezu mit unserer Wahrnehmung.
 

Wirklichkeit oder Illusion? Es geht um Sehen und Wahrnehmen – und ging es darum nicht auch bei Ingeborg van Loock? Es gibt keinen konkret vorgegebenen Rahmen, kein Wiedererkennen, sondern die Erfahrung. Der Betrachter ist auf sich selbst zurück geworfen. Seine Entdeckerfreude wird angesprochen. Darin treffen sich die Arbeiten der beiden Künstler. Dass es praktisch ist, einen Bildhauer und eine Malerin zusammen auszustellen kann ja schließlich jeder feststellen. Schön ist aber auch, dass van Looks Bilder in den Spiegelungen optisch Bestandteil von Hirlingers Arbeiten werden. Damit ist die Wirklichkeit ein weiteres Mal in van Looks Arbeiten gebrochen und
in Hirlingers Arbeit erscheint ein Stück Realität, das „eine weit vollkommener sichtbare Welt, als die wirkliche sein kann“ zeigt (um mit Goethe zu enden), nämlich die Malerei.


Birgit Wiesenhütter

 

 

 

 

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Rede zu „SONST FLÖGE ICH DAVON“ von Marko Schacher – gehalten am 3. April 2019

 

„Birgit Herzberg-Jochums Technik entspricht einer inhaltlich expressiven Ausdruckstechnik, auf das Wesentliche reduziert in der Formensprache, auf die maximale Bedeutung des Inhalts gebracht. Verzweigte Eindrücke von emotionalen Begegnungen, hintergründige Momentaufnahmen oder lösungsorientierte Sequenzen zeigen eine inhaltlich besondere Sichtweise in einer aktuellen Form der Collage. Das Ansinnen der Künstlerin ist, kurze innere Bilder in Gedanken zu formen.“


Dass ein Redner seine Vernissagenansprache mit einem Zitat beginnt, ist sehr üblich. Wenn es ausnahmsweise mal nicht Karl Valentien, Pablo Picasso oder Paul Klee sind, die bemüht werden, sind es oft Zitate aus Katalogen, Presseberichten oder Pressemitteilungen. In der Regel weil der oder die in die Ausstellung Einführende die zitierte Aussage gut findet. Bei mir ist es genau anders herum. Ungeachtet dessen, wer die zitierten Zeilen, die unter anderem auf der Homepage der Galerie der Stadt Wendlingen zum Besuch der Ausstellung „Sonst flöge ich davon“ von Birgit Herzberg-Jochum einladen, geschrieben hat, bin ich mir sicher, dass die sehr nüchtern ausgefallenen Worte der Poesie und dem Zauber, die man vor (und in diesem Fall auch hinter) den Exponaten der Künstlerin spürt, nicht gerecht werden. Und wenn das sogar ich als Mann, als äußerst rational denkender Mensch (fragen Sie meine Freundin) sage, dann muss das ja irgendwie stimmen.


Keine Ahnung, was mit einer „inhaltlich expressiven Ausdruckstechnik“ gemeint ist, aber Birgit Herzberg-Jochums Formensprache ist meiner Meinung gerade nicht „auf das Wesentliche reduziert“. Sie benutzt zwar Figurenkürzel und auf lediglich einige Umrisslinien reduzierte Stellvertreterfiguren, aber ansonsten scheinen ihre Werke ja in einer geradezu unbeschwerten Freiheit aus allen Fugen zu bersten. Ihre Figuren scheinen – mal mehr, mal weniger - aus ihrer unmittelbaren Umgebung ausbrechen zu wollen. Ob es sich hier um „eine aktuelle Form der Collage“ handelt, kann ich nicht beurteilen. In Zeiten, in denen ein Nicht-Aktuell-Sein schon wieder ein Aktuell-Sein bedeuten kann, ist es schwierig sich über eine Zeitmäßigkeit auszulassen. Auf jeden Fall aber finde ich die Mischung aus Malerei, Collage, Relief und Skulptur äußerst reizvoll. In die Bildoberflächen gewebte Wollfäden und Bilder im Bild verwischen die Grenzen zwischen Zwei- und Dreidimensionalität. Der sonst verborgene Rahmen wird zum Bestandteil des Bildes. Erstmals in der Geschichte der Städtischen Galerie Wendlingen werden die Licht-Leisten zum Aufhängen von Ausstellungstücken benutzt. Die Galerie-Strahler und die Sonne werden so zu Co-Autoren, die Schatten an die Wand zaubern. Durch die transparenten Überziehungen der Holzrahmen wirken die Werke leicht, obwohl sie das faktisch nicht sind.


Geometrische Muster treffen auf Farbschlieren, akkurat gesetzte Linien auf wabernde Flächen, pastos und lasierend aufgetragene Farben auf durchsichtige Hintergründe. Die Oberflächen werden betackert, besprayt, bespachtelt, bepinselt, bezeichnet, bedruckt, beklebt, durchlöchert und aufgeschlitzt. Die Werke gleichen Schwebezuständen zwischen Natürlichkeit und Traum. Durch das Komponieren, Kombinieren und Konfrontieren von Figuren, Attributen, Möbeln, Schriftzügen, Farbwolken und Mustern erschafft Birgit Herzberg-Jochum surreale, narrative Bilderbühnen. Die Ergebnisse sind „schön wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“, um mit Comte de Lautréamont zu sprechen. Lucio Fontana und Andy Warhol werden entzückt. Niki de Saint Phalle auch. Vielleicht hat Birgit Herzberg-Jochum die weibliche Pop-Art erfunden. Vielleicht auch nicht. Die der Ausstellung ihren Titel gebende, großformatige Arbeit „Sonst flöge ich davon“ sehe ich als repräsentativ für die gesamte Ausstellung und die Vorgehensweise der Künstlerin an. Wir sehen eine auf dem Boden liegende Frau, über deren Füßen sich scheinbar weitere Versionen eben dieser Schlafenden oder Nachdenkenden erheben. Die Gedankenblasen – unter dem Kopf der Schlafenden noch als Kissen dienend – verflüchtigen sich rechts immer kleiner werdend nach hinten. Sie sind leer, aber der Bildtitel „Sonst flöge ich davon“ würde als Gedankeninhalt der auf einer Art Balken sitzenden und dort über ihren Abflug sinnierenden Frau durchaus Sinn machen.


Aber auch die als Exponate 11 bis 20 präsentierten Satzfragmente, mit Wolle in transparentes Papier gestickt, als noch trocken zu werdende Wäschestücke an Kleiderbügel gehängt, könnten in die Gedankenblasen gesetzt werden: „Ist doch alles nicht so wild“, „Bleib ruhig“, „Alles gut?!“, „Nur mal kurz weg?“, „Möglicherweise morgen“.


Was hält die Dame, die mit ihren luftig-fragil gesetzten Konturenlinien (aus einem metallic-grauem Stift) höchst leicht wirkt, denn nun vom Fliegen ab? Vielleicht das grüne, geordnete Regal links, das auch ein Teppichmuster sein könnte? Oder der gewebte Strahlenstrang, der in geradezu göttlicher Manier von oben ins Bild und auf den Kopf der Liegenden trifft? Die Pflanze links hat einen Weg des Fliegens gefunden. Sie wirft ihre Blätter von sich, die nun übers Bild schweben.

 

Dieses Werk ist vielschichtig im buchstäblichen Sinne. Braune Backpapier-Flächen, neon-rosafarbene Kreisformen und fragile Linien vereinen sich zum Allover. Das Werk geht aber auch in die Tiefe, gleicht einer Art Seelenstriptease der Künstlerin, die „all-in“ geht, wie eine aktuelle Arbeit auch heißt, die quasi die Karten auf den Tisch legt, die „How do I feel“ zeigt und „Daydreams“ verrät.


Das möglicherweise als eine Art Mantra „Alles gut“ (ohne Fragezeichen!) betitelte Werk, das Sie als Motiv der Einladungskarte kennen, stapelt die rosafarbenen Gedankenblasen zu einem vierteiligen Regal. Die Bild-Protagonistin steht entspannt da, die linke Hand an die Hüfte gelehnt. Selbst die Pflanzen im Hintergrund scheinen momentan ein schönes Leben zu haben. Alles gut, alles geordnet. Das Muster des grünen Rasen- Teppichs offenbart sich als beeindruckende Kollektion von meditativ gesetzten Pinselstreichen, die für die Künstlerin jeweils ein einmaliges Ein- bzw. Ausatmen symbolisieren. Kaum zu glauben: Mit dem Collagieren von durchsichtigen oder halbdurchsichtigen Gaze-Stoffen beschäftigt sich Birgit Herzberg-Jochum seit nunmehr 15 Jahren. Ihre damaligen Erfahrungen als Textildesignerin und ihr Wunsch, den Raum in die Werke zu integrieren, haben zur Einbeziehung eines Polyester-Gazestoffes geführt. Einige der ersten Ergebnisse können Sie im Untergeschoss in Form der 2005 entstandenen „Shirley“-Serie sehen. Die mich persönlich an Nana Mouskouri erinnernde, elegant gekleidete, ansonsten aber weder besonders hübsch, noch besonders hässlich daherkommende Frau hat Birgit Herzberg-Jochum aus einer Fotozeitschrift entnommen und entzeitlicht. Die durchsichtigen Lücken in den „Shirley“-Werken motivieren uns zur Begegnung auf Augenhöhe. „Wir können doch alle ein bisschen Shirley sein“, hat die Künstlerin dazu am Sonntag gesagt. Ja, bitte!


Im Obergeschoss wiederum zeigt uns die Künstlerin Beispiele ihres Schaffens aus den letzten Jahren. Bei „The Flowers I Got“ aus dem Jahr 2015 führt uns Birgit Herzberg-Jochum, wie der Titel bereits sagt, ihren einstigen Besitz an Schnittblumen, aber auch das Fehlen eines grünen Daumens vor. Das schnelle Ableben der Natur im Atelier der Künstlerin wird als Mit-, Gegen- und Übereinander von floralen Linien auf einem insgesamt 150 mal 180 Zentimeter großem Diptychon vorgeführt.


Eine 2013 gefertigte, dreiteilige Arbeit, die einst für eine Ausstellung im Stuttgarter Rathaus entstanden sind, zeigt im ersten Obergeschoss Momentaufnahmen von eben diesem Ort, dem Stuttgarter Rathaus, inklusive Feuerlöscher und Stuttgarter Rössle und holt das Höchstmaß an Poesie aus der sich selbst auferlegten Situation heraus.

 

Vielleicht ist es Ihnen ja nicht aufgefallen, aber fast alle Figuren in den Werken von Birgit Herzberg-Jochum sind nackt. „Wenn wir wir selbst sind, sind wir nackt“, hat die Künstlerin dazu am Sonntag gesagt. Ich denke, das macht Sinn.

 

Die Künstlerin selbst sieht die Exponate als „Inseln, bei denen man kurz eine Auszeit aus dem Alltag nimmt“. Dieses „Man“ kann dabei als Stellvertreter für die Künstlerin selbst, aber auch für die Betrachterin bzw. den Betrachter gesehen werden. Die Alltagshektik-Vermeiderin ruft zum Alltagshektik-Vermeiden auf. Für die jeweils 29 mal 21 Zentimeter großen Exponate 26 bis 33 hat eine Fotoserie von finnischen Frauen Pate gestanden, die allesamt ohne Filter und Fotobearbeitungsprogrammen vorgestellt wurden.

 

Bei Birgit Herzberg-Jochum muntern uns die gezeichneten Akte mit Schriftzügen wie „Morgen ist auch noch ein Tag“ und „möglicherweise morgen“ zum Innehalten auf. Kurze schwarze Pinselstriche stehen auch hier für Atemübungen, für den Rhythmus aus regelmäßigem Ein- und Ausatmen, den die Künstlerin bei der Anfertigung der Bilder angewendet hat und den Sie auch bei der Besichtigung der Ausstellung anwenden können.
 

Ich persönlich mag besonders die Exponate 36 bis 39, von der Künstlerlin „mood“, also „Stimmung“ betitelt, bei denen angefallene Farbreste aus dem Atelier zusammen mit Kuli- und Öl-Strichen zu Lippen und Augenbrauen in stimmungsvollen Selbstportraits werden.


Statt „Sonst flöge ich davon“ hätte die Wendlinger Ausstellung auch „Entschieden Unentschieden“ heißen können. Ob es das „Ansinnen der Künstlerin ist, kurze innere Bilder in Gedanken zu formen“, um noch einmal auf das Zitat vom Anfang zu kommen, würde ich so nicht sagen. Möglicherweise möchte die Künstlerin mit ihren Sprüchen, Gedanken und Figurenkompositionen auf die Ambivalenz ihrer und unserer Existenz verweisen. Denn sitzen wir nicht alle zwischen den Stühlen? Quasi zwischen Pflicht und Wahrheit, zwischen Beruf und Berufung, zwischen Familie und Fun? Wir alle sind „in between“, manchmal „daneben“ und nur manchmal „losgelöst“, um weitere Werktitel zu zitieren. Wann sind wir tatsächlich 100prozentig „wir“? „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm' nur viel zu selten dazu“, haben Udo Lindenberg und Jan Delay vor einigen Jahren gesungen. Die Ausstellung kann oder könnte uns dazu anregen, uns der Situation stellen, das Beste draus machen und unsere Gedanken auf eine Reise zu schicken. Vielleicht hat der anfangs zitierte Schreiber bzw. die Schreiberin das mit „lösungsorientierte Sequenzen“ gemeint?

 

Viel Spaß in der Ausstellung, atmen Sie bitte tief ein und aus, flanieren Sie durch die Ausstellung, nutzen Sie die Gelegenheit, auch hinter die Exponate zu treten und die Herstellungsprozesse der Arbeiten zu erkunden. Bitte lassen Sie Ihre eigenen Gedanken kommen und gehen – und sprechen Sie mit der anwesenden Künstlerin. Falls Sie heute dazu nicht den Mut oder die Zeit finden, kommen Sie einfach am Sonntag, den 5. Mai um 15:00 Uhr wieder. Dann gibt es hier vor Ort ein „Künstlerinnengespräch“. Vielleicht sollte ich noch verraten, dass Birgit Herzberg-Jochum zwar in Marbach am Neckar geboren, aber hier in Wendlingen aufgewachsen, in den Kindergarten und später auch ein paar Jahre zur Schule gegangen ist. Ich sag nur „Tante Bibi“. Auch das kann ja evtl. Gesprächsthema werden.

 

Achja. Und greifen Sie unbedingt zu! Während die Käuferin von Banksys zerschreddertem Ballon-Mädchen 1,2 Millionen Euro auf den Tisch gelegt hat, bekommen Sie hier für lachhafte 350 € zerschredderte und sogar wieder zusammengewebte Motive. Warum eigentlich nicht?

 

Marko Schacher

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